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Mit OD im Gespräch: Martin Tekles

Mit OD im Gespräch: Martin Tekles
Martin Tekles ist 25, hat einen Bachelor in Psychologie und ist von Kindesbeinen an begeisterter Kletterer, der keinerlei Mühen scheut, um neue Routen zu erobern und seine persönlichen Grenzen auszutesten. Auf seinem Blog schreibt er über aktuelle Events sowie seine neuesten Klettererfolge. Da der Sport in den letzten Jahren zu einem wahren Trend – fast schon Hype – geworden ist, sind wir vor allem daran interessiert zu erfahren, was das Besondere am Klettern ist und was einem so durch den Kopf geht, wenn man sich von Griff zu Griff hangelt. Was Martin zu erzählen hat und was der Sport für ihn bedeutet, könnt ihr im folgenden Interview nachlesen.

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Martin an einer künstlichen Kletterwand im Freien

Im Gespräch: Martin Tekles und OutdoorDeals


OutdoorDeals: Im zarten Alter von 5 Jahren hast Du Deine Leidenschaft zum Klettern entdeckt. Wie kam es dazu und was hat Dich daran so fasziniert?

Martin: Ganz klassisch eigentlich. Meine Eltern waren bereits passionierte Kletterer und nahmen mich immer mit – so landete ich schließlich auch beim Klettern. Anfangs war es für mich einfach nur ein Sport. Das Draußen Sein hat mir richtig Spaß gemacht genauso wie die Reisen in andere Länder. Man hat ständig Neues entdeckt und das war toll!

Du hast einen Bachelor in Psychologie. Woher rührt Dein Interesse für diese Wissenschaft und wie passt das mit dem Klettern zusammen?

Ich habe meinen Zivildienst in einer psychosomatische Klinik absolviert. Eigentlich wollte ich davor Lehrer werden, aber die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit gesammelt habe und die Fragen, die ich mir stellte (Wie kann es solche Dinge geben? Wie kann man den Menschen und sein Verhalten verstehen?) ließen mein Interesse doch umschwanken, weshalb ich mich letztendlich für ein Psychologiestudium entschied.

Klettern ist sehr intuitiv, wohingegen wissenschaftliches Arbeiten ein sehr geplanter und durchdachter Prozess ist. Beides ergänzt sich recht gut, denn man kann auch beim Klettern oft planvoller vorgehen und in der Wissenschaft öfters mal intuitiver.

In welchem Tätigkeitsfeld möchtest Du nach deinem Abschluss arbeiten und wie passen Job und der Sport unter einen Hut?

Nach meinem Studium möchte ich die Ausbildung zum Psychotherapeuten machen und in einer psychosomatischen Klinik arbeiten. Job und Sport passen generell sehr gut zusammen. Wichtig ist einerseits, dass der Job nicht überhandnimmt und noch genug Freizeit übrig ist, um neue Energie bei Dingen zu tanken, die einem Freude bereiten. Andererseits sollte dein Hobby auch nie zum Beruf werden – hat mir mal jemand gesagt. Die Freude daran könnte verloren gehen und die Tätigkeit einen anderen Sinn bekommen.

Natürlich ist die Frage, ob man einen Vollzeitjob mit Hochleistungssport vereinen kann. Da müsste der Arbeitgeber natürlich entgegen kommen und das wäre sicherlich erst der Fall, wenn Klettern einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft hätte, z. B. als olympische Disziplin. Aber soweit denke ich im Moment noch nicht. Aktuell klappt es mit Studium und Sport ganz gut.

Was bedeutet das Klettern für Dich?

Klettern ist für mich: loslassen, Sorgen vergessen, Spaß haben, an sich arbeiten, seine Grenzen kennen und verschieben, Dinge für den Alltag lernen.

Könntest Du Dir ein Leben ohne das Klettern vorstellen? Wie würde es aussehen?

Momentan eher nicht, irgendwie kann man immer klettern. Letztens beim Training traf ich auf einen Mann mit Querschnittslähmung, der eine Tour hinaufgehangelt ist. Es geht also immer mehr, als man oft denkt. Sollte es doch einmal nicht gehen, dann würde ich auf alle Fälle irgendeinen anderen Sport machen, bei dem man ebenfalls draußen in der Natur ist.

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Was geht Dir durch den Kopf, wenn du eine Tour kletterst?

Idealweise nichts. Das gelingt mir nur ab und an, wenn ich so richtig im Flow bin. Allerdings ist das nicht sehr oft der Fall. Meistens denke ich darüber nach, ob ich richtig stehe oder wie es in den nächsten Zügen weitergeht.

Beschreibe das Gefühl, wenn Du eine neue Route geschafft hast.

Es ist ein sehr euphorisches Gefühl, extreme Zufriedenheit über das, was man geleistet hat und auch ein Gefühl der Entspannung und Lockerheit, weil der Druck endlich abfällt, den man sich selbst gemacht hat. Aber ehrlich gesagt, hält das oft nicht lange an, weil ich leider schon wieder an das nächste Projekt denke.

Kletterst oder boulderst Du lieber? Worin bestehen für Dich die Unterschiede und was macht für Dich den jeweiligen Reiz aus?

Ich bin eindeutig ein Kletterer. Bouldern sehe ich immer nur als Mittel zum Zweck, um beim Klettern stärker zu werden. Beim Bouldern ist oft das tüfteln an den einzelnen Zügen sehr interessant, die Lösung zu finden und dann knallhart zu verbinden. Klettern ist viel komplexer. Da muss alles genau passen, du brauchst Maximalkraft, Ausdauer und Physis, um dein Projekt zu klettern. Es ist letztlich auch mental anstrengender, weil du auf rund 25m voll konzentriert sein musst und nicht nur für 15 Züge wie beim Bouldern.

Klettern gilt nicht gerade als ungefährlicher Sport. Bist Du dir der Gefahren bewusst oder hast Du sogar Angst?

Oftmals denkt ich nicht so sehr daran, weil ich ja nahezu tagtäglich klettere. Wenn man dann allerdings wieder in den Nachrichten hört, dass jemand abgestürzt ist, kontrolliert man am nächsten Klettertag den Knoten auch lieber doppelt. Ich bin schon ein sicherheitsliebender Mensch.

Beim Bouldern dürfte es das ein oder andere Crashpad mehr und zu hoch dürfte der Boulder auch nicht sein. Wenn ich dann klettere, habe ich nicht wirklich Angst, nur bei Runouts geht mir oft die Düse.

Wie bereitest Du dich auf schwierige Routen vor – physisch als auch psychisch?

Eine direkte Vorbereitung für Routen habe ich noch nie gemacht, das passierte immer aus dem Training heraus. Allerdings hab ich das Klettergebiet immer angepasst an den aktuellen Trainingszustand ausgesucht. Es macht ja zum Beispiel keinen Sinn, dass ich mir in einer Maximalkraftperiode ein Ausdauerprojekt suche.

Zur psychischen Vorbereitung zählen für mich vor allem das Visualisieren der Grifftrittkombinationen und Rastpunkte etc. Auch das unmittelbare Einstiegsritual sollte immer gleich sein, damit man in den optimalen Leistungszustand kommt. Ich achte dann sehr bewusst auf meine Atmung, Einbinden, Schuhe anziehen, Chalken und nochmals kurz vorstellen, wie ich die Umlenkung einhänge, kräftig durchatmen und los geht’s.

Welches ist der höchste Schwierigkeitsgrad, den Du geklettert bist und worin Bestand die Herausforderung der Route?

Dieses Jahr bin ich Bucking Broncko 8c+ in Arco rotpunkt geklettert. Die Route war sehr maximalkräftig und mit rund 10m echt kurz. Man musste die Griffe genau an der richtigen Stelle treffen, um eine Chance zu haben. Und einfach nicht loslassen, auch wenn die Haut schmerzt!

Hast du Idole im Klettersport? Was macht diese für Dich so Besonders?

Ein richtiges Idol ist für mich Wolfgang Güllich. Einfach deshalb, weil er seiner Zeit um Jahre voraus war. Mit dem Trainingswissen von damals sowie den Trainingsbedingungen – mit heutigen Möglichkeiten nicht mehr zu vergleichen – eine derartige Leistung zu vollbringen ist schon der Wahnsinn.

Hast Du eine Bucket List in Sachen Routen/Locations, die du unbedingt klettern willst?

Eine konkrete Liste habe ich nicht, aber ich möchte schon viele verschiedene Locations ausprobieren und bereisen. Was aber ein Highlight wäre, ist sicherlich Realization 9a+ im französischen Ceuse.

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Was motiviert Dich?

Wenn ich sehe, dass ich immer besser werde und das Training funktioniert. Und selbst wenn es mal nicht so klappt, weiß man, wofür man das macht. Wenn man das Ziel vor Augen hat, dann gibt das zumindest mir einen gewaltigen Energieschub.

Gratulation zur Aufnahme in den Deutschen Lead-Nationalkader für 2016. Was wird dich in den kommenden Monaten erwarten?

In den kommenden Monaten heißt es, nochmal Vollgas geben in Sachen Training, ehe es mit einem kleinen Umweg über zwei Deutschlandcups im Juni zu den Weltcups geht. Diese finden jedes Jahr im Juli in Frankreich statt.

Du hast bereits an einigen Wettkämpfen erfolgreich teilgenommen und bist Deutscher Weltcup-Kletterer. Was bedeuten die Wettkämpfe für Dich und schaust Du Dir eventuell auch bei den anderen Techniken oder Tricks und Tipps ab?

Der Wettkampf ist natürlich immer ein Vergleich mit anderen. Was mich aber beim Wettkampfklettern besonders reizt, ist die Einmaligkeit. Du reist zu einem Wettkampf und hast nur einen Versuch in der Route – und zwar zu diesem konkreten Zeitpunkt. Du kannst den Termin nicht verschieben, weil dir das Wetter oder die Location nicht passt. Das sind dann für alle zum Großteil die gleichen Bedingungen. Natürlich schaue ich mir von anderen Kletterern Techniken ab, trotzdem muss man entscheiden, ob das auch zum eigenen Stil passt und ob man diese Technik selbst anwenden kann.

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Was sind Deine Pläne für 2016?

Bezüglich der Wettkämpfe steht der Weltcup im Vordergrund. Dabei möchte ich konstant ins Halbfinale kommen und auch die ein oder andere Top15-Platzierung erreichen. Als diesjähriges großes Ziel gilt die Weltmeisterschaft im September in Paris.
Bezüglich Felsklettern habe ich auch noch vor, etwas Schweres zu klettern. Allerdings weiß ich noch nicht genau, wo. Mal schauen, was sich in der begrenzten Zeit noch machen lässt.

Wir haben dir ja ganz schön Löcher in den Bauch gefragt und Dich nun ein bisschen besser kennengelernt. Jetzt wollen wir noch etwas mehr über dein Equipment wissen. Welches sind deine absoluten Produkt-Favoriten und gibt es Brands, auf deren Qualität Du zu 100% vertraust?

Bezüglich Hardware ist das Skylotec, bei Bekleidung setze ich auf Gentic und Schuhe trage ich von Scarpa, außerdem verwende ich das Mantle-Chalk. Das sind alles Firmen, die durch höchste Qualität und absolute Spitzenprodukte hervorstechen.

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